Wirtschaftsraum CEE: Abstand zu Westeuropa wird nicht kleiner
Wirtschaftliche Bilanz nach 20 Jahren Ostöffnung
Auch 20 Jahre nach der Ostöffnung besteht eine wirtschaftliche Kluft zwischen West und Ost. Ein Umstand, der sich auch in den kommenden zehn Jahren nicht ändern wird, wie die aktuelle Studie "Twenty years of the CEE economic region – Assumptions for sustainable development" von Roland Berger Strategy Consultants zeigt. Die Thesen zur wirtschaftlichen Zukunft der Region wurden Mittwoch Abend im Rahmen des CE Business Clubs von Erste Group und dem IDM mit über 100 österreichischen Führungskräften diskutiert.20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die wirtschaftliche Kluft zwischen West- und Osteuropa nicht kleiner geworden. Zwar galt Mittel- und Osteuropa seit dem Jahr 2000 als Boom-Region, doch in den Jahren 1989 bis 1995 schrumpften die Volkswirtschaften transformationsbedingt jährlich um durchschnittlich acht Prozent. Österreich weist im Vergleichszeitraum ein jährliches Plus von 2,4% auf. Erst Mitte der 1990-er Jahre folgte die wirtschaftliche Stabilisierung. Als erstes Land erreichte Polen 1995 wieder das wirtschaftliche Niveau von 1989, gefolgt von Slowenien (1998) und Ungarn (2000). Serbien und die Ukraine erreichen selbst heute nur 70% des BIPs von vor 20 Jahren.
Wirtschaftlich erfolgreich wurde CEE ab der Jahrtausendwende. In den vergangen 10 Jahren lag das jährliche Wirtschaftswachstum bei durchschnittlich fünf Prozent – und damit rund doppelt so hoch wie in Westeuropa. Wachstumskaiser waren Russland (6,8% pro Jahr) und die Ukraine (6,2%), gefolgt von Bulgarien (5,5%) und Rumänien (5,4%). Außer Polen, das heute 177% des BIPs von 1989 erwirtschaftet, konnte kein Land den Abstand zu Westeuropa deutlich verringern. Österreich kommt auf 158% und liegt damit vor allen anderen CEE-Staaten.
Einkommen in Mitteleuropa gleichmäßig verteilt
Auch für die Menschen bedeuteten die ersten zehn Jahre nach der Wende einen deutlichen Verlust sozialer Sicherheit. So stieg die Arbeitslosigkeit von nahezu Null in kommunistischer Zeit auf über zehn Prozent 1995. 2008 sank sie auf durchschnittlich 8,4%, wobei Serbien mit einer Rekordquote von 31% die Statistik negativ beeinflusst. Hinsichtlich der Kaufkraft erreichten 1989 die am höchsten entwickelten kommunistischen Länder etwa zwei Drittel des österreichischen Niveaus. Ein Wert, den 20 Jahre später die erfolgreichsten Reformstaaten Slowenien (73%) und Tschechien (63%) wieder erreichen.
Auch die Einkommenssituation verbesserte sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich. Erfreulich ist vor allem die Verteilung der Einkommen. Beim GINI-Koeffizienten, der die Einkommensverteilung einer Volkswirtschaft misst, liegt Slowenien hinter Schweden weltweit auf Platz zwei, Tschechien und die Slowakei belegen die Plätze sechs und sieben. Zum Vergleich: Österreich liegt auf Rang neun. Besonders ungerecht verteilt sind Einkommen nur in Russland (78.), auch in Polen (47.) klafft die Einkommensschere relativ weit auseinander.
CEE als Managementregion wird an Bedeutung verlieren
Trotz der positiven Entwicklung wird sich der wirtschaftliche Abstand zu Westeuropa bis 2020 nicht verkleinern. Innerhalb der Region werden die Unterschiede aber deutlich zunehmen: Die Mitteleuropäischen Staaten sind schon jetzt voll entwickelte Marktwirtschaften, Polen ist auf dem Weg dorthin. Diese Länder müssen sich nun als High Tech-Standort positionieren. Ungarn steht allerdings, wie auch die Südosteuropäischen Staaten und die Ukraine, vor großen strukturellen und finanziellen Schwierigkeiten. Rumänien und Bulgarien werden auch 2020 attraktive Produktionsstandorte bleiben, während sich Russland vor allem als Investor positionieren wird.
Die unterschiedlichen Entwicklungen werden dafür sorgen, dass CEE als Managementregion an Bedeutung verlieren wird. Kleinere Länder werden schon jetzt zu Subregionen wie Südost- (SEE) und Zentraleuropa (CE) zusammengeschlossen. Die GUS-Staaten bilden die Managementregion CIS. Größere Länder wie Polen oder Rumänien werden in Zukunft vermehrt eigenständig betrachtet werden.

