Roland Berger diskutiert über den Preis des Wachstums
v.l.n.r.: Dr. Roland Falb (Roland Berger Strategy Consultants), Mag. Christian Felber (Attac Österreich), Prof. Dr. h.c. Roland Berger (Roland Berger Strategy Consultants), László Andor (EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration), Prof. Zhang Weiying (Guanghua School of Management, Peking University), Dr. Andreas Ludwig (Umdasch AG), Dr. Martin Wittig (Roland Berger Strategy Consultants), Mag. Rupert Petry (Roland Berger Strategy Consultants)
Nachhaltige Entwicklung versus BIP-Orientierung beim Summernight Symposium
Brauchen wir eine Ergänzung zum BIP oder ein ganz neues Wirtschaftssystem? Mit dieser Frage beschäftigte sich das 13. Summernight Symposium von Roland Berger Strategy Consultants am 20. Juni im Wiener Palais Liechtenstein. Mit der österreichischen Wirtschaftsprominenz diskutierten EU-Kommissar László Andor, Prof. Zhang Weiying (Professor of Economics, Guanghua School of Management, Peking University), Dr. Andreas Ludwig (Umdasch AG), Christian Felber (Attac Österreich) und Unternehmensgründer und Chairman Prof. Dr. h.c. Roland Berger.
"Die Wirtschaftskrise scheint überwunden, doch die Instabilität der bewährten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme sowie der gesellschaftlichen und politischen Ordnungen führt dazu, dass sich Entscheider aus Wirtschaft und Politik fragen, ob und in welcher Form Wachstum auch künftig noch möglich ist", führte Rupert Petry, Managing Partner im Wiener Büro von Roland Berger, in das Thema ein. Dabei wird die allerorts spürbare Vormacht des marktorientierten BIP zunehmend hinterfragt. "Eine rein auf die Steigerung des BIP ausgerichtete Wirtschaftspolitik lässt ökologische Faktoren ebenso außer Acht wie die Verteilung des Wohlstands und die Zufriedenheit der Bevölkerung. Deshalb gehen immer mehr Länder daran, neue Indikatoren zu entwickeln, um materiellen Lebensstandard, Umweltqualität, Bildungschancen, Lebenserwartung, soziale Sicherung und Zufriedenheit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen zu lassen", sagte Partner-Kollege Roland Falb in seiner Einleitung.
Europa als Vorreiter bei alternativen Wachstumsindikatoren
Schon Ende 2007 – also vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise – erkannte die EU die Grenzen des BIP als alleiniges Maß für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes, referierte László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration. Es wurde bemängelt, dass sich das BIP eher auf die kurzfristige Wirtschaftsaktivität denn auf nachhaltige Entwicklung konzentriere, und man forderte die Einführung weiterer Wohlstandsindikatoren. Diese wurden in der 2010 präsentierten Agenda "Europa 2020" berücksichtigt. "Die aktuellen Beschlüsse unterstreichen Europas Entschlossenheit, für mehr Beschäftigung und Wachstum zu sorgen und die wirtschaftliche Erholung nach Kräften zu fördern. Wir dürfen niemanden zurücklassen, wenn wir gestärkt aus der Krise hervorgehen wollen", so Andor.
China: nachhaltige Entwicklung statt Wachstum um jeden Preis
Im aktuellen Fünfjahresplan vollzieht China den Schwenk vom quantitativen Wachstum zur qualitativen Entwicklung. Das bisherige jährliche BIP-Wachstum von über 11 Prozent liegt um nahezu die Hälfte über dem von der Regierung anvisierten Wert. Das unermüdliche Streben nach einem höheren BIP stellt China mittlerweile vor schwerwiegende Probleme: Die Umwelt leidet, das wirtschaftliche Gleichgewicht ist ins Wanken geraten und das Einkommensgefälle nimmt weiter zu. "Die Steigerung der Ressourceneffizienz und die Ankurbelung der inländischen Nachfrage bilden die Basis für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts", erklärte Prof. Zhang Weiying von der Guanghua School of Management der Peking University in seiner Rede.
Alternativen zum BIP und Grenzen der Reformen
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde über Alternativen zum Wachstum diskutiert. Prof. Roland Berger warnte davor, den Wachstumsbegriff negativ zu besetzen. Nur stetiges Wirtschaftswachstum führe zu mehr Beschäftigung und eröffne damit immer mehr Menschen die Chance auf mehr Einkommen und dadurch ein besseres und glücklicheres Leben. Auch wenn das BIP als Messgröße nach wie vor seine Richtigkeit habe, sieht auch Berger Möglichkeiten zur Nachjustierung: "Ich kann mir durchaus vorstellen, das BIP mit Indikatoren wie subjektive Lebenszufriedenheit, objektive Lebenszufriedenheit, soziale Kohäsion, Umwelt, Ressourceneffizienz und Institutionenqualität zu ergänzen", so Berger.
Für ein gänzlich neues Wirtschaftssystem plädierte hingegen< Attac-Sprecher Christian Felber: "88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der Österreicher wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem es zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen Akteure vom Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls umpolt." Das Gemeinwohl solle nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum eigentlichen Zweck des Wirtschaftens werden. "Integrierte Konzepte wie Sozial- und Umweltbilanzen, EMAS- und ISO-Normen, Qualitätsmanagement und Balanced-Scorecard-Ansätze sollen integriert und zu einem rechtsverbindlichen Ethikinstrument zusammengefasst werden," forderte Felber.
Die Sicht des Praktikers vertrat Andreas Ludwig. Er forderte eine stärkere Einbindung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen in die Incentivierung von Führungskräften. Die Diskussion über BIP-Ergänzungen und alternative Wirtschaftssysteme sah er pragmatisch: "Über das Ziel sind wir uns offenbar einig. Aber über den Weg dorthin gibt es sehr unterschiedliche Ideen."
Brauchen wir eine Ergänzung zum BIP oder ein ganz neues Wirtschaftssystem? Mit dieser Frage beschäftigte sich das 13. Summernight Symposium von Roland Berger Strategy Consultants am 20. Juni im Wiener Palais Liechtenstein. Mit der österreichischen Wirtschaftsprominenz diskutierten EU-Kommissar László Andor, Prof. Zhang Weiying (Professor of Economics, Guanghua School of Management, Peking University), Dr. Andreas Ludwig (Umdasch AG), Christian Felber (Attac Österreich) und Unternehmensgründer und Chairman Prof. Dr. h.c. Roland Berger.
"Die Wirtschaftskrise scheint überwunden, doch die Instabilität der bewährten Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsysteme sowie der gesellschaftlichen und politischen Ordnungen führt dazu, dass sich Entscheider aus Wirtschaft und Politik fragen, ob und in welcher Form Wachstum auch künftig noch möglich ist", führte Rupert Petry, Managing Partner im Wiener Büro von Roland Berger, in das Thema ein. Dabei wird die allerorts spürbare Vormacht des marktorientierten BIP zunehmend hinterfragt. "Eine rein auf die Steigerung des BIP ausgerichtete Wirtschaftspolitik lässt ökologische Faktoren ebenso außer Acht wie die Verteilung des Wohlstands und die Zufriedenheit der Bevölkerung. Deshalb gehen immer mehr Länder daran, neue Indikatoren zu entwickeln, um materiellen Lebensstandard, Umweltqualität, Bildungschancen, Lebenserwartung, soziale Sicherung und Zufriedenheit in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen zu lassen", sagte Partner-Kollege Roland Falb in seiner Einleitung.
Europa als Vorreiter bei alternativen Wachstumsindikatoren
Schon Ende 2007 – also vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise – erkannte die EU die Grenzen des BIP als alleiniges Maß für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes, referierte László Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration. Es wurde bemängelt, dass sich das BIP eher auf die kurzfristige Wirtschaftsaktivität denn auf nachhaltige Entwicklung konzentriere, und man forderte die Einführung weiterer Wohlstandsindikatoren. Diese wurden in der 2010 präsentierten Agenda "Europa 2020" berücksichtigt. "Die aktuellen Beschlüsse unterstreichen Europas Entschlossenheit, für mehr Beschäftigung und Wachstum zu sorgen und die wirtschaftliche Erholung nach Kräften zu fördern. Wir dürfen niemanden zurücklassen, wenn wir gestärkt aus der Krise hervorgehen wollen", so Andor.
China: nachhaltige Entwicklung statt Wachstum um jeden Preis
Im aktuellen Fünfjahresplan vollzieht China den Schwenk vom quantitativen Wachstum zur qualitativen Entwicklung. Das bisherige jährliche BIP-Wachstum von über 11 Prozent liegt um nahezu die Hälfte über dem von der Regierung anvisierten Wert. Das unermüdliche Streben nach einem höheren BIP stellt China mittlerweile vor schwerwiegende Probleme: Die Umwelt leidet, das wirtschaftliche Gleichgewicht ist ins Wanken geraten und das Einkommensgefälle nimmt weiter zu. "Die Steigerung der Ressourceneffizienz und die Ankurbelung der inländischen Nachfrage bilden die Basis für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts", erklärte Prof. Zhang Weiying von der Guanghua School of Management der Peking University in seiner Rede.
Alternativen zum BIP und Grenzen der Reformen
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde über Alternativen zum Wachstum diskutiert. Prof. Roland Berger warnte davor, den Wachstumsbegriff negativ zu besetzen. Nur stetiges Wirtschaftswachstum führe zu mehr Beschäftigung und eröffne damit immer mehr Menschen die Chance auf mehr Einkommen und dadurch ein besseres und glücklicheres Leben. Auch wenn das BIP als Messgröße nach wie vor seine Richtigkeit habe, sieht auch Berger Möglichkeiten zur Nachjustierung: "Ich kann mir durchaus vorstellen, das BIP mit Indikatoren wie subjektive Lebenszufriedenheit, objektive Lebenszufriedenheit, soziale Kohäsion, Umwelt, Ressourceneffizienz und Institutionenqualität zu ergänzen", so Berger.
Für ein gänzlich neues Wirtschaftssystem plädierte hingegen< Attac-Sprecher Christian Felber: "88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der Österreicher wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem es zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen Akteure vom Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls umpolt." Das Gemeinwohl solle nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum eigentlichen Zweck des Wirtschaftens werden. "Integrierte Konzepte wie Sozial- und Umweltbilanzen, EMAS- und ISO-Normen, Qualitätsmanagement und Balanced-Scorecard-Ansätze sollen integriert und zu einem rechtsverbindlichen Ethikinstrument zusammengefasst werden," forderte Felber.
Die Sicht des Praktikers vertrat Andreas Ludwig. Er forderte eine stärkere Einbindung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen in die Incentivierung von Führungskräften. Die Diskussion über BIP-Ergänzungen und alternative Wirtschaftssysteme sah er pragmatisch: "Über das Ziel sind wir uns offenbar einig. Aber über den Weg dorthin gibt es sehr unterschiedliche Ideen."
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